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Versöhnt mit der Hochsensibilität

Wie es mir mit ihr ergeht.

 
Ich befinde mich, während ich diese Zeilen verfasse, gerade in der Zürcher Europaallee, genauer in der Pädagogischen Hochschule. Einem doch ziemlich betriebsamen Ort direkt neben dem quirligen Hauptbahnhof, wo ich heute eine Besprechung wahrnehme. Und zwar ausgerechnet in der Rushhour in einem lärmigen Restaurant. Diesen Termin konnte ich mir nicht auswählen, Ort und Zeit wurden festgelegt und naja, freiwillig hätte ich das ja nicht so ausgesucht.
Ich bin viel zu früh dran und warte auf meinen Gesprächspartner. Nicht im Restaurant, da bin ich gleich wieder rausgeflüchtet und habe mich in die Bibliothek „gerettet". Hier sitze ich jetzt also, schreibe und schmunzle über ein Thema, das immer mal wieder in mein Leben tritt.
Ja, es ist mir bewusst, dass es für vermutlich 80% meiner Leser und Leserinnen komisch klingt, wenn ich sage, ich musste mich sprichwörtlich „retten“ vor den Energien, dem Lärm der Baustelle, dem Stimmengewirr, der hektischen Betriebsamkeit und - als wäre es nicht schon laut genug - der aufdringlichen Radiomusik. Wenn Dir das Thema aber bekannt vorkommt oder Du dich selber fragst, warum Du gelegentlich so seltsam dünnhäutig bist, dann lies weiter :)
Die anderen 15 - 20% aller Menschen (und Tiere!) haben eine Tendenz zu dem, was die Wissenschaft und Medizin heute „Hochsensibilität“ nennen. (Auf die unterschiedlichen Definitionen, die durchaus ihre Berechtigung haben, möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen).
Hochsensible Menschen sind über ihre Sinneskanäle viel schneller (über-) stimuliert. Sie nehmen Reize viel eingehender, dringlicher wahr. "Die Konstitution ihrer neuronalen Systeme ist empfindlicher“, schreibt Wikipedia. Das Phänomen hat in den Medien Hochkonjunktur, überall liest man davon. 
Bei mir zeigt sich die erhöhte Empfindlichkeit vor allem in einer starken Lärmempfindlichkeit; mein Körper reagiert mit Stresssymptomen auf Lärmquellen aller Art, also beispielsweise auf unangenehme Geräusche, parallele Gespräche, laute Musik und all dies hindert mich extrem in meiner Konzentration; manchmal fühle ich mich regelrecht überfordert.
Es fällt mir sehr schwer, mich auf mein Gegenüber zu fokussieren, wenn beispielsweise eine dritte Person hinter oder neben mir ein lautes Gespräch führt. Auch wenn die Musik in einer Bar zu laut ist, kann ich es vergessen, eine Unterhaltung zu führen, die diese Bezeichnung verdient. Dann hilft nur noch eintauchen und tanzen, aber darüber schreibe ich dann weiter unten :) Interessanterweise werde ich immer empfindlicher nicht nur auf die Lärmquellen, sondern auch auf den Inhalt - ich ertrage keinen Klatsch, Tratsch oder zuviel Negativität in Gesprächen mehr, auch da reagiert der Körper unmittelbar. Authentische Gespräche hingegen schmeicheln meinen Sinnen und entspannen sie.
Andere hochsensible Menschen sind eher licht- oder geruchsempfindlich und reagieren auf solche Impulse und Reize stark. Sind davon überfordert, wenn es zu hell ist oder Gerüche einen Raum dominieren. Hochsensibilität wird je nach Definition assoziiert mit spezifischer Hochbegabung und immer auch mit starker Wahrnehmung von Energien. Auch in meinem Fall ist es so, dass ich über meinen Körper, über die Sinnesorgane sekundenschnell intuitiv wahrnehme, welche Stimmungen gerade herrschen. Ich spüre die Umgebung und auch mein Gegenüber unglaublich gut und weiss, wie es ihm oder ihr geht. Es ist manchmal schwierig, zu merken, was die eigene Stimmung ist, und welche von einem Gegenüber oder gar einem ganzen Raum „nur“ unbewusst übernommen wurden. Übernommen deshalb, weil ich mich zuwenig abgegrenzt habe. 
Als mir dann das Buch „zart besaitet“ - mittlerweile ein Bestseller mit mehreren Auflagen - vor einem Jahr in die Hände fiel, erlebte ich einen Aha-Moment nach dem Anderen. Dinge wurden mir klar, die ich vorher einfach nicht benennen konnte. Hatte ich mich früher selber verurteilt für meine Dünnhäutigkeit oder Durchlässigkeit und den Fehler stets bei mir gesucht, so wurde nun plötzlich klar, dass die Energien, die ich so spüre, nicht immer nur meine sind, sondern dass ich sie leicht übernehme, wenn ich mich nicht schütze. Das ist im Grunde eine gute Nachricht. Man kann sich schützen, abgrenzen. Zuvor muss man aber überhaupt wahrnehmen, was gerade passiert. Das kann man mit Körperbewusstsein üben.
Das tue ich im Moment. Abgrenzung ist bei mir meist nur dann nötig, wenn ich mich in einer lauten Innenstadt befinde, die Hektik der Mitmenschen übernehme und wenn ich selber nicht genug „geerdet“ bin. Das war diesen Winter wiedermal der Fall, nachdem es zuvor glücklicherweise sehr lange kein Thema mehr gewesen war für mich. Da ich gut für meine innere Ausgeglichenheit gesorgt und sehr gute Bodenhaftung hatte, störte mich die Hochsensibilität meist nicht. Nun aber ist das Thema halt wieder mal aktuell. Und es ist okay, dass es momentan wieder da ist.
Ich kann hier noch anfügen, dass mich meine Hochsensibilität ganz grundsätzlich nur im Winter einholt, sonst ist das Thema weniger aktuell. Sobald ich mich bei wärmeren Temperaturen mehr in der Natur aufhalte, auch öfters barfuss unterwegs bin, bin ich „mehr im Körper“ präsent, besser geerdet, und das hilft mir immer gegen die Reizüberflutung. Für mich ist also die Erdung der zentrale Faktor. Bin ich geerdet, geht es mir gut und kann ich mit vielen Reizen umgehen. Bin ich „luftig“, zu sehr „im Kopf“, dann fühle ich mich hingegen schnell überreizt und damit überfordert.
Heute also, wo meine Erdung gerade nicht so ideal ist, kann ich meine Strategien ganz konkret üben, und ich möchte nun gern einige davon mit Euch teilen, die ich in den letzten zwei Monaten regelmässig angewandt habe und die mir oft gut genützt haben. Dies kann und soll keine vollständige Liste sein, es sind einfach meine ganz persönliche Anregungen, die vielleicht helfen oder inspirieren, wenn es Dir mal ähnlich ergehen sollte. 
  • Tanzen. Ich weiss nicht, wie oft ich im Januar und Februar getanzt habe. Ich rede vom wunderbaren „ecstatic dancing“, das mich zurück in den Körper bringt wie sonst fast nichts in solcher Intensität. Mindestens zwei Mal pro Woche bin ich momentan auf der Tanzfläche, es sind die schönsten Stunden der Woche, weil die Körperverbundenheit so glücklich macht. Manchmal tanze ich auch zuhause für mich. Da stört dann weder die Musik noch sonst etwas!
  • Natur. Trotz Schnee, Regen und Nebel (dieser Winter dauert schon so lange!) gehe ich oft raus und bewege mich. Die Schritte im Wald oder Park helfen, zurück „in den Körper“ zu kommen.
  • Yoga, Velo fahren: auch das tue ich nun wieder regelmässig. Ich denke, viele andere Sportarten sind super für die Erdung. Was ich bald wieder praktizieren werde, ist das Boxen. Ich erinnere mich, wie es mir früher extrem gut geholfen hat, in den Körper zurück zu kommen.
  • Es gibt Nahrungsmittel, die uns erden. Diese muss jeder und jede selber für sich rausfinden. Mir hilft es, dreimal täglich warm zu essen, zudem hat mir eine ayurvedische Ernährungsberatung vor einer Weile zu viel Klarheit verholfen, was mir ernährungstechnisch gut tut. Dazu gehört mein selber gemachter Porridge am Vormittag, der mir "Boden gibt".
  • Füsse auf den Boden. Bewusst atmen. Langsam gehen. Wenn es wirklich gerade akut ist, dann stelle ich die Füsse gerade hin und verbinde mich mit der Erde. Ich konzentriere mich auf den Herzschlag oder die Atmung und fühle meine innere Ruhe. Ich finde immer etwas in mir, das gerade ruhig und entspannt ist. Darauf fokussiere ich mich.
  • In die Ruhe gehen. Auch in der Innenstadt gibt es Orte, die entspannter sind, etwa einen Park oder eine Kirche.
  • Sinnvolle Gespräche. Dabei „echt“ bleiben, sich nicht in einer Rolle verlieren. Sich dabei von den - hoffentlich - authentischen Worten berühren oder von einem Thema mitreissen lassen und sich auch ganz aufs Gegenüber konzentrieren. Zum Beispiel eine tiefe Verbindung über die Augen schaffen, wenn einem das angenehm ist und es das Gegenüber auch zulässt.
  • Sinne benutzen: Damit meine ich, dass wir unsere Sinne nicht künstlich überstrapazieren und damit der Welt entfliehen (Stichwort Handy: viel zu oft einen Bildschirm ansehen statt etwas Echtes lange betrachten, über Ohrstöpsel abgetrennt Musik hören statt jemandem bewusst intensiv zuhören, etc.) In überreizten Situationen hilft es mir, meine Hände und somit den Tastsinn zu benutzen. Zu kochen, backen, massieren, gärtnern, jemanden berühren, Umarmungen, mit Holz arbeiten, all das bringt die Sinne und damit die Sinnlichkeit zurück ins Leben.
  • Schreiben, mir Zeit nehmen für Reflexion und Beobachtung. Hilft mir sehr, wieder zurück zu meiner Ruhe zu finden. Über etwas wirklich gründlich nachzudenken und die Gedanken niederzuschreiben, wenn ich Zeit habe, verleiht mir Gelassenheit und innere Zuversicht und damit Erdung und Zentrierung.
  • Elemente: die Elemente erden uns auch. Das Feuer im Cheminee, der Spaziergang auf dem Erdboden, das warme Bad haben eine beruhigende, reinigende, erdende Qualität.
  • Zeit für mich, mir erlauben, weniger zu tun. Schlafen. Mir zugestehen, dass ich momentan mehr Ruhepausen brauche, um mich von der Überreizung zu erholen.
  • Akzeptanz. Sich so nehmen, wie man ist. Und zwar mit seinem Bedürfnis nach Ruhe. Auch wenn „alle Anderen“ vermeintlich viel Energie und Lärmtoleranz haben und unglaublich stressresistent sind: Es ist gut so, wie Du bist.
  • Das Thema nicht allzu ernst nehmen. Ich identifiziere mich nicht mit meiner Hochsensibiität. Ich habe sie gelegentlich. Empfindsamkeit ist einfach eine Eigenschaft von mir - eine unter vielen. Mit der ich umzugehen gelernt habe. Und die sich manchmal wieder mehr Gehör verschafft. Und sich dann wieder beruhigt. Jetzt gerade bin ich sehr im Frieden mit ihr, auch wenn die Phase eher laut ist. Ich merke, dass ich sie annehmen kann, ihr aber auch keine übergeordnete Wichtigkeit verschaffen werde.
  • Wenn es akut ist, dann nehme ich sie hingegen ernst. Ich höre hin, was mir die Stimme dahinter zu sagen hat, wo ich mich selber überfordere, mir selber zuwenig Zeit oder Verständnis eingeräumt habe. Ich halte nicht viel davon, Gedanken oder Gefühle einfach "wegzumeditieren" oder zu ignorieren. Ich glaube, insbesondere Gefühle kommen so oft, bis man sie anerkennt. Einmal wahrgenommen, verabschieden sie sich wieder. Aber wie gesagt, man muss sich nicht damit identifizieren, man kann einfach sagen "ich fühle jetzt im Moment..." oder "ich habe gerade eine Phase...". Nicht "ich BIN". Das wäre Identifikation.
  • Unnötig zu sagen, dass ich keine Shoppingzentren und Hauptbahnhöfe besuche, wenn es nicht unbedingt sein muss. Frühmorgens oder gegen Abend muss ich nicht im vollgedrängten öV sitzen oder stehen, sondern ich bevorzuge mein Fahrrad.
  • Singen: Tue ich noch nicht so lange, aber jetzt umso lieber. Auch das ist eine gute Möglichkeit, um „in den Körper“ zu kommen. Die eigene Stimme hilft, sich selber nicht zu sehr im Aussen zu „verlieren“.
  • Meditation: Hier kommt es meiner Erfahrung nach recht darauf an, welche Meditationstechnik man übt. Eine klassische Achtsamkeitsmeditation, in welcher man sich auf den Körper, den Atem, den Herzschlag konzentriert, kann erdend wirken. 
Zum Abschluss möchte ich einfach noch schreiben, dass der Hochsensibilität leider ein etwas negativer Beigeschmack anhaftet, weil sie für uns ein Kraftakt bedeuten kann im Alltag, insbesondere dann, wenn wir Verpflichtungen zu erfüllen haben und uns nicht einfach zurückziehen können. 
Doch diese einseitige Betrachtungsweise muss nicht sein! Versöhnen wir uns mit der Hochsensibilität. Oft ist sie verbunden mit ganz grossartiger Begabung und eben mit dem Wahrnehmen von Vielem, was Normalsterbliche gar nicht bemerken würden. Den Sinn fürs Detail, fürs Schöne im Alltag. Für die feinen Stimmen, die sonst untergehen. Ich bin je längers je mehr im Frieden mit ihr, oft auch dankbar für die nuancierten Empfindungen und die wache Intuition, die mit ihr einher gehen. 
Und: Reize sofort wahrzunehmen bedeutet auch, all die schönen Impulse dann ganz besonders intensiv und stark wahrzunehmen! Und diese umso mehr zu geniessen zu können. Ein schönes Konzert, eine Berührung, ein authentisches Gespräch oder ein Gaumenschmaus sind für hochsensible Menschen immer NOCH schöner. Und vom Leben so intensiv berührt zu werden, das möchte ich wirklich nie, nie missen:) 
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