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Stille im Rhythmus des Lebens

Zum Buch von Anselm Grün

Kürzlich habe ich wieder einmal ein wunderbar inspirierendes Buch des Benediktinermönchs Anselm Grün zur Hand genommen. "Stille im Rhythmus des Lebens" heisst es und erzählt von der "Kunst, allein zu sein". Ich mag die Bücher von Anselm Grün sehr, und auch dieses enthält viele Passagen, die harmonisch Philosophie, Psychologie und Theologie verknüpfen, und zwar hier zu einem Thema, das jedem Menschen früher oder später begegnet.

""Die Wahrheit, die uns weiter bringt, erkennen wir nicht im Trubel, sondern nur in der Einsamkeit"

Anselm Grün spricht über die Unterschiede von Alleinsein und Einsamkeit und Vereinsamung. Für ihn ist die Einsamkeit kein negativer Zustand. Er erklärt, dass die Nachsilbe "sam" ursprünglich ein eigenes Wort war und es bedeutete "übereinstimmend, zusammenhängend, passend, gleich". Einsam heisst also eigentlich "mit mir selber eins sein". Im 140-seitigen Büchlein macht er deutlich, dass die Versöhnung mit der Einsamkeit (welche jeden Menschen gelegentlich besucht) zum Erwachsen werden gehört. Das Auskommen mit der Einsamkeit führt gemäss Grün sogar erst dazu, in Beziehung treten zu können. Er erklärt dies so, dass man erst dann, wenn man in Beziehung zu sich selber gekommen ist und weiss, wer man ist, auch wirklich echte Beziehungen in der Welt eingehen kann. Er zitiert unter anderem Goethe, für den sowohl "die Zuwendung zur Welt als auch die Einkehr bei sich selbst" wichtig seien und sich im Gleichgewicht befinden sollten. Mir gefällt diese Sichtweise; auch ich fühle keine Trauer in Einsamkeit, wenn ich mit mir selber verbunden bin und "jemand zuhause ist".

"Wer seinem eigenen inneren Grund entfremdet ist, dem entfremden sich auch die Dinge"

Sehr interessant und lehrreich finde ich das Kapitel, in dem Anselm Grün über den Unterschied zwischen dem "Jammern" und dem "Betrauern" schreibt. Das Jammern ist etwas, was uns nie weiterbringt. Doch das Betrauern einer Situation ist etwas anderes. "Das Betrauern führt mich in den inneren Raum unterhalb meiner Einsamkeit, Enttäuschung, Bitterkeit. Ich gelange in den Raum der Stille, auf den Grund meiner Seele". Dort komme ich in Berührung mit mir selber und in die Annahme. 

Ich finde es total stimmig, dass der Autor rät, Gefühle zuzulassen, sie zu durchleben und nicht einfach wegzumeditieren. So ist die Akzeptanz, ja die Hingabe an eine Situation, die unangenehm ist, dazu da, uns näher in Kontakt mit uns selber zu bringen.

Verliere Dein Herz nicht an etwas, was Dich in Deinem Herzen nicht erfüllt"

Anselm Grün zitiert viele Philosophen und Psychologen, von Nietzsche über Schopenhauer, Goethe, Hesse und C.G. Jung. Er erzählt von ihrer Haltung zu Einsamkeit. Was für mich aber insbesondere den Wert seines Buches ausmacht, sind auch die persönlichen Passagen. Grün erzählt von seinem eigenen Umgang mit Einsamkeit. Er schreibt von den Ritualen, die seinen Tag ausmachen und bringt auch Beispiele, wie andere Menschen mit täglichen Ritualen ihren Tag strukturieren. Sein Buch ist - wie die meisten seiner Werke - ermutigend, inspirierend, gehaltvoll - und auch praktisch. Auf alle Fälle habe ich mir nach der Lektüre ganz konkret überlegt, was denn meine Rituale im Alltag sind und wie sie mir zu innerer Stabilität verhelfen. 

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