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Mut zur Musse

Mein Plädoyer fürs Nichts-Tun

Die Sonne scheint. Ich sitze auf dem Balkon an diesem April-Nachmittag, neben mir ein feines Stück vom selbst gemachten Rüeblikuchen, ein Glas Wasser und die Vögel zwitschern rundherum (auch noch etwas Baulärm, aber den ignoriere ich heute grosszügig). Es fehlt mir an nichts. Und ich habe die Musse, die Zeit und die Inspiration, über ein Thema zu schreiben, das mir am Herzen liegt. 

Das ist Musse.

Der Wissenschaftsredakteur Ulrich Schnabel hat in seinem Bestseller "Musse - Vom Glück des Nichtstuns" wertvolle Fakten zusammengetragen, was Musse ausmacht - und warum sie vielen Menschen in unserer Kultur heutzutage abhanden gekommen ist. Die Kunst, ganz im Augenblick zu leben, sich unbeschwert, gedankenfrei treiben zu lassen, einer einzigen Sache unsere Aufmerksamkeit zu schenken, ist schwer umsetzbar in einer Welt der ständigen Erreichbarkeit, der Informationsflut und der unbegrenzten technologischen Möglichkeiten. So nennt Schnabel denn auch zwei Parameter, die unabdingbar sind für das Entstehen von Musse: Einerseits benötigt sie das Gefühl, Herr über unsere Zeit zu sein, und zum zweiten den Verzicht auf immer neue Möglichkeiten und Alternativen. Dieser Verzicht erlaubt uns, unsere Aufmerksamkeit einem einzigen Moment zuzuwenden. Sich zufrieden zu geben mit dem, was ist. Ruhe. Geschehen-lassen. Nicht immer den Alltag verbessern wollen. Nicht immer mehr leisten müssen. "Die fatale Logik des "Immer-mehr" zu durchschauen und nicht ständig dem trügerischen Freiheitsversprechen der Multioptionsgesellscahft aufzusitzen", dazu regt Schnabel an. Wie man das macht, davon erzählt er in seinem Buch und mir gefällt der praktisch-pragmatische Ansatz.

Die griechischen Philosophen meinten, Musse bringe sie den Göttern näher.

Epikur betonte, der Weg zum Glück liege eher im Aufgaben denn im Erfüllen aller Wünsche.

Goethe erhob die Musse gar zum Daseinsprinzip.

Den Mut zur Musse musste ich mir erarbeiten. Sie mir bewusst erlauben. Zehn Jahre in einer 9-5 Arbeitswelt prägen und lassen wenig Gedanken zu, die die Routine hinterfragen. 

Doch genau das ist die Notwendigkeit: Wer über sich und die Welt sinnieren will, braucht Zeit. Wer keine Zeit hat, wem alles andere wichtiger ist, wird immer nur alte Ansichten, emotionale Muster und Gewohnheiten reproduzieren.

Nun, seit über fünf Jahren bin ich erfolgreich selbstständig tätig und die Suche nach Freiheit und dem mir entsprechenden Lebensstil (und damit auch nach dem Vorhandensein von Musse) hat viele alte Konventionen aufgebrochen und Dinge möglich gemacht, die ich mir früher nicht hätte erträumen können. Und so arbeite ich heute mehrheitlich, wo ich will, wann ich will, wie ich will. Es ist ein Privileg, das ich mir da selber möglich gemacht habe. Mal arbeite ich intensiv und lange, mal weniger oder gezielt. Möglichst, wie es meinem Energie-Haushalt entspricht. Wobei das, was ich tue, mir viel Freude bereitet und ich deswegen sehr gerne arbeite.

Und das ist wohl ein wichtiger Aspekt der Musse - sie funktioniert nicht nach dem Nutzen-Leistungs-Prinzip. Ich kann Musse nicht für etwas anderes benutzen, denn dann löst sie sich auf. Dann, wenn ich etwas tue, um der Schönheit seiner selbst willen, oder der Wahrheit, Echtheit, dann entsteht Musse. Man kann sie nicht forcieren.  Sie passiert dann, wenn ich mich ihr komplett hingebe.

Was tut das Gehirn, wenn es nichts (Bestimmtes) tut? Es beschäftigt sich mit sich selbst, wenn es beim Tagträumen, beim Schlafen oder eben beim Nichtstun nicht auf Input reagieren muss.

Es hat sozusagen Zeit, seine eigenen neuronalen Geschäfte zu ordnen", schreibt Ulrich Schnabel. Netzwerke aus Nervenzellen würden neu organisiert, Gelerntes verarbeitet, das Gedächtnis sortiert. Beim Ziellosen Nichtstun seien gewisse Hirnbereiche stärker aktiv als beim Arbeiten, und das ist lebenswichtig für geistige Gesundheit. Auch Geistesblitze passieren dann, weiss die Hirnforschung. Es gibt ganz viele wissenschaftlich untermauerte Gründe, die für mehr Musse sprechen, das möchte ich gern so weitergeben, an alle Kopfmenschen, die noch Gründe brauchen, um sich eine Musse-Pause zu gönnen.

Und die Seele? Wozu "braucht" sie die Musse? Die Psychotherapeutin Verena Kast sagt: Die Seele muss immer wieder die Balance zwischen den Anforderungen der Außenwelt und den Bedürfnissen der Innenweltherstellen. Unsere Seele braucht dazu Zeit: um auszuwählen, um zu reifen und immer wieder ins Gleichgewicht zu kommen.”

In der Bibel ist zu lesen: "Schaut auf die Vögel des Himmels: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen. Wer von euch kann mit seiner Sorge sein Leben auch nur um eine Zeitspanne verlängern? Was sorgt ihr euch?"

Die Autorin Shirley Seul verpasst der Titelseite ihres Buches "Das Leben ist keine To-Do-Liste" einen prominenten Stempel: "Garantiert ohne Zeit-Management" ist rot und fett zu lesen. Sie wünscht sich mehr Menschen, die den westlichen Lebensstil der Effizienz, Selbstoptimierung und des Tempos hinterfragen. Und Seul macht deutlich, dass dieser Lebensstil längst nicht mehr nur die Arbeit betrifft, sondern auch die Freizeit. "Sollte man sich früher in der Freizeit vor allem von der Arbeit erholen, fängt bei vielen Leuten heute der Stress in der Freizeit erst richtig an. Die Freizeit wird abgearbeitet". Es gehe vielen Menschen darum, die To-Do-Liste mit Häkchen abzuhaken, möglichst viel erledigt zu haben in kurzer Zeit. Möglichst viel ins Leben reinzupacken halt. Und ich gehe mit ihr einig, wenn sie analysiert:

"Wenn man glaubt, dass man wiedergeboren wird oder ins Paradies kommt, kann man seine irdische Existenz relativ gelassen betrachten. (...)  Wenn man allerdings davon ausgeht, dass dieses Leben die einzige Chance ist, dass es nur dieses eine Leben gibt, dann muss dieses eine Leben ausgequetscht werden bis zum letzten Tropfen". 

Doch dies führt nicht zu Genuss, im Gegenteil. Wir kennen die Statistiken von Burnout und Stresskrankheiten. Es gebe darum nur ein Muss, nämlich die Musse. Sie rät zu Achtsamkeit. Dazu, die Sinne zu benutzen. Das Tempo zu verlangsamen. Dem Regen zuzuhören, öfter zu lächeln, sich Zeit für sich zu nehmen, alte Platten zu hören, dicke Bücher zu lesen, mit Kindern zu spielen ohne Smartphone in der Nähe.

Während ich persönlich mein Leben durchaus gern mit Aktivität fülle, so beobachte ich doch auch, dass darin auch viel Nichts-tun, Viel Schönes "im Augenblick verweilen", viel Hingabe und eben Musse Platz finden. Und zwar auch im Alltag, nicht nur in den Ferien. Ich versuche ganz bewusst, immer und immer wieder in diesen Zustand der Musse hineinzugleiten. Den Musse ist für mich ein Zustand, eine Haltung. Ich kann sie jeden Tag kultivieren; immer dann wenn ich mich bewusst dafür entscheide.

Musse nehme ich wahr, wenn ich tief atme.

Es sind diese Momente der inneren Leichtigkeit, der körperlichen Entspannung, des langsam Gehens. Des tiefen Atmens. Wenn der Blick in die Ferne schweift, wenn es gar nicht viele Worte zu sagen gibt. Wenn die Ideen kommen, wenn man bemerkt, dass man schon den ganzen Nachmittag ein Lächeln auf den Lippen trägt. Wenn man sich verbunden fühlt mit allen um sich herum. Hier und jetzt.

Musik im Hintergrund: Diana Ross, Love Hangover

Fotos: habe ich mehrheitlich in Costa Rica gemacht; einem Land, in dem Müssiggang sehr leicht fällt

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