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Geht es noch selbstoptimierter?

Was unsere hyper-individualisierte Gesellschaft nicht sehen will

Instagram zeigt es uns, Facebook sowieso, und auch die Fitnesstracker, die Online-Kalender, die Kalorienzähler, Selbsthilfebücher und Schrittzähler. Sie wollen uns zeigen, wo wir stehen im Leben, sie messen, sie vergleichen und stellen dar. Sie zeigen, wie wir unser Leben noch mehr optimieren könnten, wann wir noch nicht genügend Schritte gegangen, zu lange nichts mehr gepostet oder zuwenig effektiv gearbeitet haben. Sie wollen uns glauben machen, dass sie wissen, was ein effizienter und gesunder Tag war. Es gibt Menschen, die glauben diesen Daten mehr als ihrem Körpergefühl. Daten über alles.

Es gibt Menschen, die fotografieren ihr Essen, aber sie schmecken es nicht. Es gibt Bodybuilder, die stolz ihre Muskeln präsentieren, aber sie bemerken nicht den Atem, der durch ihre Körper fliesst, während sie trainieren. Es gibt Influencer, die nichts lieber tun, als vor der Kamera oder dem Spiegel zu posieren, aber sie tragen kein Lachen auf dem Gesicht, sie strahlen keine Freude aus. Es gibt Menschen, die schauen lieber auf ihr Smartphone als in die Augen ihres Gegenübers.

Und das Erstaunliche in dieser so hyper-individualisierten Welt: Solche "Influencer" werden dafür sogar noch bewundert, sie haben viele "Follower". Mir erschliesst sich dieses Konzept nicht.

Warum sind wir derart individualisiert, müssen unsere Leben vermarkten, zu Brands machen - und es vereinsamen gleichzeitig so viele Menschen? Warum sind wir so "connected" wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit, und doch so stark voneinander getrennt?

Nie war der Leistungsdruck auf unsere Kinder und Teenager grösser, sowohl was die richtige Berufswahl, das Studium betrifft, wie auch das Aussehen. So viele Kinder leider schon unter Magersucht oder Fitnesswahn, sogar Burnouts bei Schülern werden immer mehr. Und den Erwachsenen geht es nicht besser, wenn man die Zahlen betrachtet zu Depressionen, psychischen Störungen, Burnouts et cetera.

Es wird individualisiert, maximiert, gemessen und verglichen, was das Zeug hält. Innen, aussen, bei der Arbeit, beim Sport, beim Essen und auch sonst überall. Es wird sogar gemessen, wielange man es aushält, das Smartphone nicht in die Hand zu nehmen. Macht das irgendjemanden wirklich glücklich?

Versteht mich nicht falsch, ich mag es auch, gelegentlich schöne Fotos zu posten, auf Artikel online aufmerksam zu machen, mich genügend zu bewegen und mich gesund zu fühlen! Ich meditiere und schaue, dass dies in einer gewissen Regelmässigkeit passiert. Essen tue ich bewusst und Yoga mache ich auch gern. Ich bin gern in Verbindung, auch online.

Aber es muss nicht immer noch besser, effizienter, schöner und individueller sein. Mein Leben, respektive was ich davon teile, muss auch nicht besser erscheinen als es in Tat und Wahrheit ist. Der einzige Anspruch, den ich an mich selber habe bei dem, was ich tue, ist, dass etwas echt ist. Wahrhaftig. Dass ich es mit meinen Sinnen geniessen kann. Dass es mich näher zu mir selber bringt und in echte, lebendige Verbindung mit Anderen. Meditation hilft mir bei dieser Verbindung mit der Lebendigkeit, die anderen oben aufgelisteten Sachen tun das auch, aber nur dann, wenn ich mich ganz auf sie einlasse. Wenn ich mich auf das Essen, den Tanz, die Berührung, die Konversation, die Augenblicke einlasse. Das geht nicht, wenn ich sie dauern fotographisch festhalten, posten und die Likes im Auge behalten muss! Und wenn ich doch mal einer solchen Tendenz verfalle und eine Weile häufiger online bin als gewohnt, dann macht sich das in meinem Körper bemerkbar mit Müdigkeit und Antriebslosigkeit. Die Präsenz, die Lebendigkeit sind dann weniger da.

Ein Leben, das völlig im Moment geschieht, muss nicht live festgehalten werden auf Social Media. Im Gegenteil, es unterbricht jede wahre Verbindung, die schon da ist. Wollen wir das wirklich? Wollen wir ein Abendessen wirklich dafür unterbrechen? Am Abend einschlafen mit dem Smartphone auf dem Nachttisch? Oder, wie kürzlich selber erlebt in einem Yogaworkshop: Zwei Teilnehmerinnen machten laufend Fotos und Filme von den Positionen und stellten sie live auf Instagram. Der Rest der Gruppe musste jeweils auf sie warten, bis wir weitermachen konnten.

Woher kommt dieser Selbstoptimierungswahn? Dieser Darstellungswahn?

Jede Optimierung, Maximierung entsteht aus einem Gefühl des Mangels.

Und einem Mangel an Vertrauen in den eigenen Körper.

Es geht immer ums besser werden.

Doch warum sollen wir nicht gut, perfekt, liebenswert sein, genau so wie wir jetzt und hier sind?

Wie gesagt: Jede Optimierung entsteht aus einem Gefühl des Mangels.

Warum können wir nicht zufrieden sein mit dem, was wir sind?

Warum brauchen wir die Bestätigung durch Likes?

Der Mangel, genau.

Das Einzige also, was wir an uns optimieren könnten oder sollten, ist die tiefe, innere Beziehung zu uns selbst. Das Vertrauen in unseren Körper. So dass dieser Mangel sich transformiert in einfaches, ruhiges, zufriedenes, strahlendes SEIN. Ich glaube ganz fest, das ist unsere echte Aufgabe und sie dauert ein Leben lang an.

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