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Frei sein statt frei haben

Ein Plädoyer für Erfüllung und Selbstausdruck in der Arbeit

Stell Dir vor, wie erfüllt und glücklich dein Leben wäre, wenn Du morgens beim Aufstehen vor Freude aus dem Bett springen würdest, weil Du es nicht abwarten kannst, an Deine Arbeit zu gehen. Etwas zu tun, was Dir wirklich viel bedeutet. Dich mit dem identifizieren zu können, was Du tust, und es als sinnhaft einzustufen. Vielleicht musst Du dir das gar nicht vorstellen, sondern es trifft bereits auf Dich zu? Dann freue ich mich trotzdem, wenn Du weiterliest.

Ja, ist es wirklich zuviel verlangt, solche Ansprüche an die eigene Arbeit zu stellen? Ist es unrealistisch? Nicht erreichbar? Ginge die Welt unter, wenn alle nur noch das tun würden, was sie gerne tun? Wo kämen wir denn da hin, wenn sich das jeder erlauben würde? 

Ich glaube nicht, dass uns das schaden würde. Ich glaube eher, "die Welt" würde entspannter, friedlicher, glücklicher. "Frei sein statt frei haben" ist ein Slogan, ein Buchtitel und eine Anregung, sich aus dem selber kreierten Kopf-Gefängnis herauszuholen. "Das Leben ist ein Spielplatz, kein Gefängnis", kommt mir da auch in den Sinn. Je mehr wir uns dessen bewusst sind und uns diesen Gedanken erlauben, desto freier werden wir. Desto mehr werden wir gestalten. Und nein sagen müssen zu Kompromissen, für die wir 8 oder mehr Stunden pro Tag hergeben, manchmal für etwas, was uns nicht mal berührt, geschweige denn erfüllt.

Die Welt ist ein Spielplatz, nicht ein Gefängnis

Vielleicht sollten wir den Arbeitsbegriff neu denken, breiter, als es die derzeit gängige Definition umfasst? Als Historikerin kann ich sagen, dass sich die Bedeutung der Arbeit über die Jahrhunderte unglaublich stark gewandelt hat und sie noch vor wenigen Jahrhunderten völlig anders definiert wurde. Erst in der Moderne ist die Arbeit zum Mittelpunkt des Lebens geworden. In der griechischen Antike war Arbeit etwas für Sklaven, sie galt als Strafe der Götter. Noch im 17. Jahrhundert hielt der Philosoph John Locke Arbeit für widernatürlich. Ist also alles relativ. Und das merken gerade sehr viele Menschen. Die Arbeitswelt ist total im Umbruch, und in der Schweiz zeigt sich das in den spannenden Diskussionen um das bedingungslose Grundeinkommen. Es werden Fragen aufgeworfen, die Arbeit neu denken lassen und die hinterfragen, was wir in den letzten Jahrzehnten als selbstverständlich betrachteten. Wenn ganze Gesellschaften wie im Akkord funktionieren, wenn unhinterfragt seit der Industrialisierung der Takt (=gemessene Stunden) statt persönlicher Rhythmus (Energie wird berücksichtigt) den Arbeitsalltag bestimmt, dann sind Burn-outs und Bore-outs die logischen Folgen. Dann ist irgendetwas aus dem Gleichgewicht geraten. Vielleicht ertragen immer weniger Menschen die Vorgaben und Strukturen der "alten" Arbeitswelt. Vielleicht entspricht 9-5 jeden Tag noch weniger dem Zeitgeist. (Ob es das jemals getan hat, wage ich zu bezweifeln.) Und heute sind wir an dem Punkt, wo immer weniger Menschen solche Strukturen langfristig akzeptieren.

Was wäre, wenn Arbeit in erster Linie Selbstausdruck wäre? Noch nie war es einfacher, Lebensmodelle und Arbeitsmodelle zu erschaffen, die uns wirklich entsprechen. Wir können in und durch die Arbeit uns selber ausdrücken: Das, was uns wichtig ist, weitervermitteln. Etwas produzieren oder anbieten, das sinnstiftend ist und unsere eigenen Bedürfnisse ernst nimmt. Catharina Bruns fragt in ihrem Bestseller "work is not a job": "Kann und muss es in unserer freien Gesellschaft nicht auch Platz für eine Arbeit geben, deren Definition über die der Erwerbsarbeit hinausgeht? Arbeit, die sich nicht hauptsächlich über den Wert ihrer Bezahlung definiert, dafür aber das eigene Leben und die Gesellschaft auf andere Weise bereichert?"

Das, was Du jeden Tag tust, ist wichtiger als das, was Du ab und zu tust

Meine persönliche Lebens- und Arbeitsphilosophie geht immer mehr in die Richtung eines sogenantenn „Lifestyle Businesses“. Das bedeutet, eine erfüllende Arbeit zu haben, die den Namen "Arbeit" ganz anders versteht. Was mir Freude macht, wird durch mein Leben in meine Arbeit integriert. Oder anders gesagt, ich mache das, was mir im Leben Freude macht, auch zu einem Teil meiner Arbeit. Darum brauche ich diese Abgrenzung Arbeit - Leben oder Work-Life-Balance gar nicht mehr. Deswegen arbeite ich nicht 9 - 5, sondern arbeite, wann ich will. Gönne mir einen langsamen Tag in den Start. Entsprechend meinem Energie-Rhythmus tue ich dann, was gerade passend ist. Ich weiss, dass ich morgens meist sehr fokussiert bin und lege Tätigkeiten, die Konzentration, Verhandlungsgeschick und Fokus verlangen, in meine produktiven Stunden vor dem Mittag. Ich weiss auch, dass ich am Nachmittag besser schreiben kann, kommunikativer bin, also plane ich Besprechungen und kreative, konzeptionelle Tätigkeiten in diese Stunden. Abends arbeite ich so gut wie nie. Ich arbeite auch nicht länger als früher im Angestellten-Verhältnis. Ich halte nichts von einer 60 Stunden Woche. Ich habe heute mehr Zeit für mich als je zuvor. Und was ich tue, fühlt sich viel weniger nach Arbeit an, sondern nach Freude, nach Sinn. Grundsätzlich fühle ich mich befreiter, entspannter, gelassener.  

Was Arbeit ist, entscheidest Du!

In meinen vielen unterschiedlichen Projekten kann ich meine Vielseitigkeit ausleben. Das ist etwas, was ich zwar schon seit der Selbstständigkeit, also seit 5.5 Jahren geniesse, aber es wird immer noch vielseitiger. Heute erlaube ich mir auch neue Projekte zu kreieren, die nichts zu tun haben mit meinem angestammten Business. Bald werde ich etwas ganz Neues anbieten, was mit der Personalberatung, also meinem Kerngeschäft, nichts mehr zu tun hat. Bisher hatte ich immer geschaut, dass es einen Link dazu gibt in meinen Angeboten. Das wird nun nicht mehr der Fall sein mit dem zusätzlichen Angebot - und mir selber das zu erlauben, also eine ganz neue Facette auch der Öffentlichkeit zu zeigen, war eine innere Reise, die auch anstrengende Erfahrungen mit sich brachte! Aber es ist Teil eines Prozesses der inneren Ehrlichkeit, wirklich das zu tun, was mich berührt. Und so schaffe ich mir das Privileg, Dinge zu tun, die meine Leidenschaft sind und glücklicherweise verdiene ich damit auch noch Geld.

Glücklicherweise gibt es immer mehr Menschen, die den Mut fassen, ihren Alltag zu hinterfragen, idealistischer oder anspruchsvoller werden, was ihre Erwerbsarbeit betrifft. Menschen, die ihre Stelle kündigen ohne eine neue auf sicher zu haben, Menschen, die lange Reisen machen, die sich zu fragen beginnen, was sie eigentlich wirklich bewegen möchten in ihrem Leben. Die diesen herausfordernden, aber lohnenden Prozess auf sich nehmen, um dann innovativ und aus einer inneren Sicherheit heraus etwas in die Welt zu bringen, was ihnen wirklich entspricht. Die nicht kopieren, sondern kreieren. Durch die zahllosen Möglichkeiten, die das Internet bietet, ist alles im Umbruch und man darf immer mehr selber gestalten, was und wie man leben will. Wenn man mutig genug ist, frei zu sein.

Wenn Deine Arbeit Dich begeistert, begeisterst Du Andere

Abschliessend möchte ich Menschen, die sich auch gerade mit diesem Thema auseinandersetzen, noch einige spannende begriffliche Anregungen und Fragen mitgeben, die ich bei Dr. Rüdiger Dahlke gefunden habe:

*Wenn Arbeit Sinn macht, einem Zweck dient, wird sie auch durch BeFRIEDigung entlohnt, die sie automatisch mit sich bringt

*Unser System entSCHÄDIGT schädliche Jobs vielfach höher, als dass es sinnvolle gut entLOHNT.

*Versuche, Beruf zu definieren, führen sogleich zum RUF, der sich darin verbirgt. Der innere Ruf ist wichtig, darum ist ein Beruf nie dasselbe wie ein Job. BeRUFE führen nicht zu Burnouts, Jobs hingegen schon.

*Verdiene ich meinen VerDIENST wirklich? Diene ich einer Sache oder Menschen, wo es sich zu dienen lohnt?

*Hat sich die Arbeit für mich geLOHNT? Habe ich für meinen Lohn LOHNENDES geleistet?

*Hat mein Honorar (lat. honor = Ehre) wirklich mit Ehre zu tun? Tue ich etwas Ehrenswertes? Oder bekomme ich nur eine EntSCHÄDIGUNG für an und in mir entstandenen Schaden? Oder ist es ein EntGELT also ein Ausgleich für erlittenes Unrecht? Hat es für mich Geltung?

*Was sagt mein Gehalt über den Gehalt der Arbeit?

Die Headlines stammen aus: "work is not a job" von Catharina Bruns.

Die Anregungen aus Rüdiger Dahlke's Buch "Seeleninfarkt".

Ebenfalls zu empfehlen: "Frei sein statt frei haben" von Sophie Pester und Catharina Bruns

Und: "Muße: Vom Glück des Nichtstuns" von Ulrich Schnabel

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