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Diese eine Stunde frühmorgens...

Was ich im Meditations-Retreat gelernt habe

Letzte Woche war ich in einer Coaching-/Meditations-Weiterbildung und habe in vier Tagen soviel meditiert wie zuvor mein ganzes Leben nicht. Frühmorgens, und dann immer wieder über den ganzen Tag verteilt, hat uns Dr. Anna Gamma, eine erfahrene Zen-Meisterin und HSG-Dozentin, aufs Sitzkissen gebeten. Sie hat uns angeleitet, in bewegungslose und gedankenlose Stille zu gehen.

Für mich war es mehr als erstaunlich, was geschehen ist. Ich bin sehr dankbar, dass ich viel für mich Wichtiges auf einer tieferen Ebene verstehen durfte. Vieles, was ich zuvor schon ahnte, wusste oder mental einleuchtend fand, aber was ich noch nicht durch und durch verstanden hatte. Wenn ich von "verstehen" spreche, meine ich damit, dass es nicht nur mein Kopf, sondern jede Faser meines Körpers integriert hat und das Wissen so zur Erfahrung und umsetzbar wird.

Was habe ich gelernt?

* Die Schönheit des frühen Morgens zu schätzen: Um jeden Morgen pünktlich im Meditationsraum anzukommen, stand ich um halb sechs Uhr auf. Pünktlichkeit und vor allem Disziplin sind in der Zen-Meditation essenziell. Sind die Türen mal geschlossen, hat die Meditation begonnen, kann man sich nicht mehr verspätet reinschleichen. Weil ich morgens gern langsam bin und weder Worte noch Zeitdruck mag, stand ich also zeitig auf und spazierte gemütlich durch halb Luzern, um auf der anderen Seeseite mich mit einer Gruppe Gleichgesinnter zum stillen Sitzen zu treffen. Dieser 45-minütige Spaziergang vor der Meditation hatte es in sich. So entspannnend war es, langsam zu gehen, bewusst mit allen Sinnen den langsam erwachenden Tag zu geniessen. Bei jedem Schritt haben nicht nur meine Füsse die Erde berührt, sondern auch umgekehrt, die Erde hat meine Füsse berührt, sie hat mich getragen. Und währenddessen hat der Tag Farbe angenommen, hat sich von Dunkelheit zu Helligkeit gewandelt und die Vögel haben dazu gezwitschert. All diese Sinnlichkeit wahrzunehmen war mit viel, viel Dankbarkeit und innerer (Be-)Rührung verbunden. Ziemlich kitschig, ich weiss :)

Doch diese Stunde, die ich jeden Morgen gewonnen habe, lasse ich mir in Zukunft nicht mehr von meinem Schlaf rauben.

Einige inspirierende Worte des Dalai Lama dazu:

„Denkt an jedem Morgen an dem ihr aufwacht ‚Ich bin glücklich und dankbar, heute aufwachen zu können. Ich lebe, ich führe ein kostbares Leben, ich möchte es nicht verschwenden. Ich werde meine Energie dafür verwenden, mich selbst zu entwickeln, mein Herz zu öffnen und die Erleuchtung über unser Dasein zu erreichen. Ich werde gütige Gedanken anderen gegenüber pflegen, ihnen nicht böse sein und nicht schlecht über sie denken, ich werde ihnen helfen, so gut ich kann.‘“

* Die Süsse und die Kostbarkeit der Stille: Ich habe schon mehrere Schweige-Retreats erlebt und war davon immer sehr angetan. In diesem Retreat ging es zwar inhaltlich um Coaching für Führungskräfte, und wir haben auch viel kommuniziert, aber trotzdem verbrachten wir jeden Morgen bewusst mehrere Stunden lang im Schweigen. In diesen schönsten, glückseligsten Stunden war ich tief mit meiner Intuition verbunden und konnte ganz viel wahrnehmen, was ansonsten von mir nicht gehört, gesehen, gespürt wird, wenn ich so im "aktiven Modus" lebe und arbeite. Und ich schrieb. Wörter und Sätze flossen nur so aus mir heraus.   

* Übung macht den Meister. Die erste Zen-Meditationseinheit, still sitzend, Augen geöffnet und möglichst ohne Gedanken, war so richtig herausfordernd für mich. Obwohl ich Meditations-Erfahrung habe, fiel sie mir so schwer. Ich kannte die Zen-Praxis nicht und brauchte die gute Anleitung der Lehrerin, um mich einlassen zu können. Von Mal zu Mal ging es leichter und gegen Ende des Retreats waren alle halbstündigen Einheiten meine Höhepunkte des Tages.

* Das Leben durch mich fliessen zu lassen: Das ist ein wichtiger Satz, den ich mitnehme. Ich verbinde damit Hingabe ans Leben, das Aufgeben von Kontrolle, tiefes Vertrauen, den Genuss, das Nicht-Wissen und die Unplanbarkeit des Lebens. Überraschungen, Zeitlosigkeit und die reine Präsenz im Moment. Ich habe ganz bewusst beschlossen, mich tief aufs Leben einzulassen, tief einzutauchen in Beziehungen, auch in Gruppenprozesse und mich einzulassen auf diesen radikal-ehrlichen Lehrgang bei Anna Gamma, in neue Erfahrungen, ohne zu wissen, was mich erwartet.

* Die Wichtigkeit von Kairos: Wir alle kennen Chronos, die chronologische Zeit. Doch Kairos, der richtige Moment, die Zeitqualität, sie kommt zu kurz! Kairos bedeutet, dass es für alles eine richtige Zeit gibt, und diese muss man vertrauensvoll abwarten. Kairos hat für mich viel mit den weiblichen (Yin-) Facetten zu tun. Das Weibliche ist rhythmisch, zyklisch. Es ist nicht taktorientiert oder messbar, sondern entsteht eben - zu seiner Zeit. Yin-Qualitäten steuern und planen nicht, sondern lassen zu, sie empfangen. Sie sind nicht aktiv, vorwärts drängend, sondern passiv, sie entstehen von innen heraus. Sie "tun" nicht, sondern sie "sind". In einer solchen Weiterbildung hat man Zeit, sich vertieft Gedanken zu machen über die Zeitqualitäten, die Gesellschafts-Strukturen, die eigenen Werte und Verhaltensweisen. Dass wir so prozessorientiert und ohne Leistungsdruck gelernt haben, hat mir sehr entsprochen.

* Wertvolle männliche (Yang-) Aspekte habe ich ebenfalls neu entdeckt. Zen-Meditation ist ja eine sehr disziplinierte Tradition und verlangt körperliche Aufrichtigkeit, Rückgrat, Disziplin, Konsequenz und eine gewisse Strenge mit sich selber. Diese männlichen Qualitäten zu integrieren, hat mir sehr gut getan, war aber auch eine grosse Herausforderung, vor allem physisch. Ich habe gemerkt, wie mein Rücken zuerst schmerzte, dann stärker geworden ist durch das viele aufrechte Sitzen. Nun kann ich gut verstehen, was innere Zentrierung bedeutet und dass sie auch körperlich erreicht werden kann. Dass gerade nächste Woche endlich mein Kampfkunst-Training startet, passt.

* Leistung ist überbewertet: Jede Frau und jeder Mann hat sowohl männliche wie auch weibliche Qualitäten in sich. Die männlichen Qualitäten werden in unserer leistungsorientierten Gesellschaft vielmehr wertgeschätzt, die weiblichen hingegen abgewertet. Wer in unserem Wirtschaftssystem Geld verdienen will, muss dies in der Regel mithilfe seiner maskulinen Eigenschaften machen. Bei uns wird jedermann an seiner Leistung gemessen, wer nicht arbeitet, wird abgestempelt oder verurteilt. Nur wer leistet, zählt.

Dass dabei die Balance verloren geht und viele Menschen psychisch erkranken, in einer Kultur, wo alles gemessen und verglichen wird, ist leider logische Konsequenz.

Beiträge zur Gesellschaft, die Menschen mit ihren weiblichen Eigenschaften leisten, sind oft unbezahlt - oder im wahrsten Sinne des Wortes leider abge-wertet. Es wird Zeit, dass sich das ändert und ich glaube, wir stecken mittendrin im Prozess, auch wenn er für Viele schmerzhaft ist.

* Ich für mich weiss, nach diesen vier Tagen, noch besser um den Schatz (und die Notwendigkeit), die im Ausgleich liegt und lasse das zu, was wir oft vergessen: Stille, Alleinsein, Tagträumen und Nichtstun. Das Leben durch mich fliessen lassen und das Leben tanzen.

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