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Die verzweifelte Suche nach der Berufung - und wie sie endlich aufhört

„Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe“, sagt uns der libanesische Dichter Khalil Gibran.

In diesem Satz versteckt sich so viel Wahrheit, welche sich erst auf den zweiten Blick offenbart. Davon soll mein Essay heute handeln.

Eingangs ein paar Fragen:

Was genau ist es, das wir uns von "der Berufung", diesem grossen, vielversprechenden Überwort, erhoffen?

Was wäre, wenn wir die oft so verzweifelte Suche nach der erfüllenden Arbeit, dem versteckten Talent, der sinnhaftesten Aufgabe aufgäben?

Könnte es sein, dass wir immer wieder etwas zu erreichen, zu kreieren, zu erarbeiten suchen, was wir eigentlich bereits in uns haben?

Warum sind wir mit den Situationen im Aussen so beschäftigt, abgelenkt, aber in uns drin vielleicht leer und mehr oder weniger unberührt?

Und: Was ist das wirklich Essenzielle, das Wichtigste in unserem Tagesverlauf?

Früher habe ich gedacht, wenn ich erst DIE erfüllende berufliche Aufgabe gefunden habe, dann wird alles gut.

Ich habe auch vermutet, wenn ich herausgefunden habe, was meine Berufung ist, dann bin ich glücklich und es wird das Ende allen Suchens bedeuten.

Ähnliches habe ich früher auch von anderen Bereichen meines Lebens antizipiert: Wenn ich erst das und das in meinem Leben habe (die Partnerschaft, die ich mir wünsche / die Wohnung, von der ich träume / materielle und immaterielle Glücklichmacher), ja dann, dann werde ich ruhig, entspannt und zufrieden sein.

Ich war dem Irrtum erlegen, dem so Viele erliegen. Ich glaubte den verlockenden Gedanken, dass das Aussen mir irgendetwas zu bieten hätte, was mir Seelenruhe verschaffen könnte. Ich müsste es nur erst finden.

Ich habe also gesucht, ausprobiert, gewechselt und geträumt - und mich in Illusionen verloren. Es gibt diese einzige grosse Illusion, sie ist umfassend, umspannend und fast jeder ist mehr oder weniger in ihr gefangen.

Die Illusion, wenn ich erst etwas (frei zu Definierendes) erreicht oder erhalten habe, dann wird alles gut. Die Illusion, dass ich etwas tun muss. Dass ich aktiv sein muss. Dass ich steuern, kontrollieren muss. Es liest sich schon anstrengend, nicht?

Mit solchem Denken machen wir uns abhängig. Abhängig von der Zukunft, von Situationen im Aussen, die wir nicht beeinflussen können. Solche Vorstellungen lassen nie frei, halten uns in Gefangenschaft. Sie lassen das wirkliche Erleben eines jeden Moments nicht zu und haben nichts mit Akzeptanz, Loslassen und Vertrauen zu tun. Doch diese drei Qualitäten sind für Viele schwieriger zu leben. Sie sind passiv, man kann sie nicht "tun", sondern eben nur zulassen. Sie sind Seinszustände.

Es existiert in unserer Selbstoptimierungs-Gesellschaft ein grosser Druck, etwas Eigenes, Unkonventionelles, Supersinnhaftes zu erfinden oder zumindest so zu leben. Möglichst individuell, den eigenen Brand immer auszubauen, geschäftlich, privat oder am besten sowohl als auch. 0815 Tätigkeiten werden schon fast als Beleidigung empfunden. Jeder sucht nach DER Berufung, DEM Einzigartigen, DEM Talent, das in ihm schlummert (und sich oft aus unerfindlichen Gründen noch nicht offenbart, obwohl man doch so lange schon sucht).

Verstehe mich nicht falsch, ich finde es wunderbar, wenn Menschen ihre Talente ausleben und kreativ sind, wenn sie Sinn in unsere Arbeitswelt bringen und andere anstecken mit ihrer Freude und Motivation. Es gibt nicht viel Schöneres als Menschen, deren Augen strahlen beim Ausüben ihrer Aufgabe. Doch bin ich überzeugt, dass genau eine solche Lebensweise nur dann entsteht und gelebt werden kann, wenn man sich an die eigene, innere Wahrheit erinnert.

Der Raum der Gedankenstille

Wahrnehmen statt denken

Sein statt Aktivismus

Den Körper miteinbeziehen. Seine Sprache verstehen lernen.

Und zuerst, immer wieder:

Annehmen, was jetzt gerade ist

In meiner mittlerweile siebenjährigen beruflichen Selbstständigkeit gab es die Phase mehrmals: die des Nicht-Wissens. Nicht wissen, ob es das Richtige ist, was ich tue. Nicht wissen, ob ich mich beruflich anders ausrichten soll. Und wenn ja, in welche Richtung. Diese Phasen waren mit innerer Unruhe verbunden. Mit Suche, Rastlosigkeit und Frustration.

Jedesmal gab es aber auch diesen einen Zeitpunkt, wo sich diese Gefühle auflösten.

Er war immer der Moment, in dem ich akzeptiert habe:

Akzeptiert, dass ich innerlich unruhig bin.

Akzeptiert, dass ich nicht weiss, was ich will. Dass ich es jetzt einfach gerade nicht weiss. Oder vielleicht schon seit Wochen oder Monaten nicht weiss.

Akzeptiert, dass ich unzufrieden bin, nicht erfüllt und suchend.

Ich habe alle diese Gefühle angenommen. Und damit meine ich, dass ich sie gefühlt habe. Nicht weggedrängt.

Mal dauerte es länger, mal kürzer, bis ich an diesen Punkt der Annahme kam. Annahme ist auch Loslassen von Vorstellungen, Ideen, Konzepten.

Annahme ist Vertrauen, dass jedes Gefühl, jeder Zustand im Moment seine Richtigkeit hat. Auch wenn mein begrenzter Verstand nicht weiss, was das soll und er sich sowieso lieber in der Zukunft aufhält. Doch die Annahme war es, die erst die Türen geöffnet hat und Raum schuf für Neues.

Die Annahme, diese passive Qualität, die sich nicht erzwingen lässt, ist die Grundvoraussetzung für jede Art von Kreativität, Gestaltungswillen, Erfolg und Erfüllung. Annahme und Akzeptanz eines jeden Momentes, also von jedem Gefühl, das sich durch die Annahme transformiert und Platz schafft.

Platz für Wahrheit. Wo Wahrhaft und Wahrhaftigkeit zugelassen und willkommen sind und ihr Zeit und Stille eingeräumt werden, DORT entsteht Platz für Berufung. Dort offenbaren sich die wahren Talente. Sie zeigen sich einfach. Sie werden plötzlich klar, sie entfalten sich. Die Türen öffnen sich, die nächsten Schritte werden klar. Man spürt es im ganzen Körper.

Und ja, dann kann man sich die richtigen Fragen stellen (oder stellen lassen), sich inspirieren lassen und aktive Schritte tun. Dann macht ein Coaching Sinn oder ein Berufungs-Workshop. Aber erst dann.

Meine absolut wichtigste, eigentlich einzige Aufgabe ist es also, täglich, stündlich, minütlich, mich zu erinnern. An meine mir innewohnende Wahrheit. In Gedankenstille. Daraus kann ALLES entstehen. Eine Haltung des Dienens, der Dankbarkeit, der Liebe findet immer Resonanz und Reichtum.

So wird jede Arbeit wert-voll. Es ist die erste Priorität meines Lebens, meine Ausrichtung immer wieder zu überprüfen.

Bin ich noch in Verbindung mit meiner Wahrheit?

Lebe ich aus meiner wahrhaftigen Essenz?

Behandle ich mich selber und die Menschen um mich herum aus einer Haltung der inneren Verbundenheit? Der Fülle?

Oder handle ich aus anderen Motive, die aus dem Ego kommen?

Die in erster Linie etwas brauchen/wollen/fordern?

Und wenn ja, warum?

Nehme ich mir Zeit, mir gegenüber ehrlich zu sein und keine faulen Kompromisse einzugehen? Wann gehe ich den Weg der Selbstverantwortung?

Wann gönne ich mir stille Momente?

Wann nehme ich WAHR, was mir mein Körper sagen will?

Immer, wenn ich mich bereichert fühle, freudvoll, still, dankbar und grosszügig, dann teile ich gerne. Dann weiss ich, dass das, was ich zu geben habe, Wert hat, auch für Andere. Und dabei ist es weniger wichtig, was ich tue, sondern wie ich etwas tue. Dieses WIE ist ansteckend.

Und eine kleine Nachbemerkung. Wenn Du diese Berufung gefunden hast, dieses Talent wirklich lebst - dann lass die Anhaftung daran am besten gleich wieder los - es gehört Dir nicht(s). Erst dann siehst Du, wie frei Du in Wirklichkeit bist.

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