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Der scheinbare Widerspruch von Deadlines und langen Pausen

Hast Du auch "zuviel zu tun", musst bis morgen noch alles mögliche erledigen? Mach mal Pause.

Kürzlich habe ich meinen ersten Workshop gehalten. Es war eine grosse Sache für mich, war er doch seit langem ausverkauft und bewegte ich mich damit offiziell mit "meinem" Thema, dem persönlichen Energie-Management, an die Öffentlichkeit. Ich mag es, mich etwas herauszufordern und deswegen wollte ich einen qualitativ wirklich hervorragenden Workshop anbieten. Ich nahm mir viel Zeit, das Thema inhaltlich noch tiefer auszuarbeiten, alles auf Papier (respektive auf Powerpoint) zu bringen und es sinnvoll zu strukturieren. Alles lief ganz gut mit der Vorbereitung. Ich wusste, ich würde zeitlich gut vorwärts kommen. Und doch fühlte ich, je näher Tag X kam, dass irgendetwas nicht stimmig war. Ich arbeitete jeweils sehr lang, sehr konzentriert und intensiv, und ich kam gut vorwärts. Und doch war es irgendwie so, dass ich zu stark "im Kopf" war. Alles war gut durchdacht, der Aufbau stimmte, die Struktur machte Sinn, aber etwas fehlte! Und ich fand einfach nicht heraus, was es war. Es fühlte sich nicht gerade berauschend an. 
Ich muss an dieser Stelle vielleicht betonen, dass ich in diesen intensiven Tagen sehr tief ins Thema eingetaucht war und nicht viel anderes machte als meinen Workshop vorzubereiten. Natürlich hielt ich mich an meine wichtigsten "Energie-Regeln", die mir heilig sind (genügend Schlaf, gute Ernährung, Arbeitsrhythmen im Einklang mit meinem Biorhythmus). Aber ich war ausschliesslich mental beschäftigt, die linke Hirnhälfte war total aktiv (ich war hoch konzentriert, auf Details fokussiert, tief eingetaucht ins Thema, blendete alles Andere aus), aber die rechte Hirnhälfte, welche für Kreativität, den Blick fürs Ganze, den Perspektivenwechsel und neue Einfälle zuständig ist, kam kaum zum Zug. Das heisst, ich habe sie selber unterdrückt. Ich dachte halt, "es muss jetzt vorwärts gehen", "ich muss das bis Freitag fertigstellen", "ich muss, muss, muss...". Lange Pausen, Sport, Freizeit erlaubte ich mir kaum, obwohl ich um deren Wichtigkeit weiss! 
Irgendwann ging gar nichts mehr. Einen Tag vor dem Workshop war ich total blockiert. Ausgerechnet! Ich sass da mit meinem theoretisch perfekten Workshop, aber brachte einfach nichts mehr raus. Ich wusste echt nicht, wie ich das Ganze etwas lockerer gestalten konnte. Meine ursprüngliche Absicht, mit Freude und Leichtigkeit ein mir wichtiges Thema zu präsentieren, war irgendwie in meinen ganzen perfektionistischen Ansprüchen an mich selber untergegangen. Ich war ziemlich deprimiert.
Ich entschied, das Ganze ruhen zu lassen. Nicht ein einfacher Entscheid so kurz vor dem grossen Tag. Aber immerhin würde ich über Energie Management sprechen und da wollte ich nicht nur die wichtigsten Prinzipien berücksichtigen (s. oben), sondern grundsätzlich alles umsetzen, was meine Energie erhöhte.
Zuerst ging ich zwei Stunden lang im Wald spazieren, an einem schönen Freitagnachmittag. Es gelang mir recht gut, den Kopf durchzulüften. Dann traf ich mich mit einem Freund, dessen Originalität ich schätze und der mich immer auf andere Gedanken bringt, weil er einfach so grundverschieden von mir ist. Obwohl ein Teil in mir es kaum aushalten konnte, den ganzen Nachmittag "nichts" zu tun, an der Sonne zu sitzen, während zuhause viel Arbeit auf mich wartete, genoss ein anderer Teil in mir diesen Nachmittag in vollen Zügen. Glücklicherweise hörte ich also auf meine innere Stimme, verurteilte mich nicht und liess mich voll auf die Entspannung und eine spannende Diskussion zu einem ganz anderen Thema ein. 
Nun, am frühen Abend kam ich nach Hause. Schon auf dem Weg zurück hatte ich zwei Einfälle für Übungen gehabt, die ich als perfekt passend einschätzte. So ging es dann noch zwei Stunden lang weiter. Totaler Flow, eine Idee nach der anderen. Es gelang mir zuhause, diverse kreative Einfälle in mein Konzept zu integrieren, und irgendwie war alles mühelos und machte viel Spass. Es fühlte sich nun alles locker an, die Reflexion, die Gruppenübungen in Verbindung mit kurzen, spannenden theoretischen Blöcken, der Austausch und eine kurze Meditation. Zudem war einfach klar, wann genau ich welche Inputs präsentieren würde - es gab keine mentalen Blockaden mehr, alles floss.
Ich - die normalerweise stets gut vorbereitet bin - sprach noch nicht mal den Workshop probeweise durch. Ich spürte derart klar, dass nun alles passte, so dass ich überhaupt gar nichts mehr erledigte am Abend vor meinem allerersten Workshop mit 20 Teilnehmern. Nervosität? Keine Spur. 
Mit grösstmöglicher Gelassenheit und Freude durfte ich am Samstag dann über mein Thema sprechen. Der halbe Tag mit einer fantastischen Gruppe hat soviel Begeisterung und Inspiration erzeugt, wie ich es mir niemals hätte vorstellen können.
Nun bin ich mir bewusst, dass viele Angestellte oder Menschen in verantwortungsvollen Positionen nicht "einfach einen halben Tag frei machen können", auch nicht ein paar Stunden mitten während des Tages, und dass meine Aussagen deswegen vielleicht etwas provozieren. Was ich aber eigentlich betonen möchte, ist die Wichtigkeit von Pausen. Es geht weniger um die Dauer der Pause, als dass man sie sich überhaupt gönnt. Dass man weiss, was sie bewirkt. Dass man Pausen bewusst einplant, sie "anders" gestaltet, sie draussen verbringt, sich bewegt, die Routine durchbricht. Das Mittagessen nicht am Schreibtisch einnimmt (aus meiner Sicht das Schlimmste, was man sich antun kann), sondern für Abwechslung sorgt. 
Deshalb ist mein eigenes Learning für den nächsten Workshop (er steht schon fest): Die inneren, mentalen Blockaden nächstes Mal noch früher zu realisieren, mit Pausen grosszügig zu sein und ganz regelmässig den damit verbundenen Perspektivenwechsel vorzunehmen (Spaziergang, Sport, Umgebungswechsel). Und auch wenn die Pause länger dauert als man sie sich - rein rational gesehen - erlauben möchte, lohnt sie sich doch. Damit die rechte Hirnhälfte wieder den Blick aufs Ganze zulässt. Damit sich alles entspannter anfühlt und man kreative Lösungen findet, die im etwas engen Modus der linken Hemisphäre einfach nicht auftauchen. Die Teilnehmer werden es mir danken und mit mehr Energie den Workshop verlassen, als sie mitbrachten.
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