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Dein Körper: Ein Tempel?
Oder nur ein Optimierungsvehikel?

Kürzlich habe ich in einer Tageszeitung ein Interview gelesen, das mich sehr zum Nachdenken gebracht hat. Das Interview wurde mit einer Schweizerin Mitte Dreissig geführt und drehte sich hauptsächlich um Lifestyle Themen. Die Oberflächlichkeit und Selbstbezogenheit haben mich erstaunt, oder vielmehr erschreckt. 
Eine Frau, etwa gleich alt wie ich, berühmt, erfolgreich und scheinbar selbstbewusst, erzählt da ernsthaft, dass sie sich täglich auf die Waage stelle, dass sie jeden Tag maximal zweimal etwas esse und - quasi als Ausgleich - betreibe sie extensiv Sport. Ihr Lebensstil ist ihr selbstverständlich, sie glaubt auch, er sei gesund und "normal". Alles, was sie tut, ist perfekt auf ihren Körper ausgerichtet, die Kalorien gezählt, die Sporteinheiten geplant, und wenn sie mal "über die Stränge schlägt" (was immer sie darunter versteht), ja dann bestraft sie sich mit Diät. Das Rauchen, das sie sich nicht abgewöhnen kann, ist wohl ihr einziges Ventil, um mal unvernünftig zu sein. 
Und heute erschien ein Foto von einer populären amerikanischen Sängerin in den Medien und es zeigte, dass die Sängerin ein paar Kilos zugelegt hat. Sie sieht jetzt normalgewichtig und gesund aus; wird dafür aber massiv kritisiert, beleidigt, verspottet. 
Wenn ich solche Dinge lese, dann frage ich mich schon sehr ab den Idealen in unserer Gesellschaft. Wie sehr kann man sich in Körperkult verlieren? Wie strikt und lieblos kann man seinen (und andere) Körper behandeln? Wie stark kann man sich auf seinen Körper beschränken und sich nur über ihn definieren? 
Wie wäre es mal mit etwas Wertschätzung gegenüber unserem "Tempel", in dem die Seele wohnt, wie es so schön heisst? Wie wäre es, wenn wir wertschätzen würden, dass unsere Füsse uns durchs Leben tragen, dass unser Atem tagein, tagaus fliesst, ohne dass wir ihn gross beachten, dass unser Herz Höchstleistungen erbringt, selbstverständlich und pausenlos, genauso wie die anderen Organe? Dass wir gesund durchs Leben gehen können? Wie wäre es, wenn wir einfach mal zufrieden wären mit unserem Körper? Oder sogar mehr als nur zufrieden: dankbar und glücklich? 
Seit ich vor ein paar Jahren begonnen habe zu tanzen, ist mein Verhältnis zu Körperlichkeit ein anderes. Es ist unmöglich zu beschreiben, wie sehr sich das Körpergefühl seither verändert hat. Und wie glücklich ich heute bin, dass ich mich durch meinen Körper ausdrücken kann beim Tanz, beim Sport, eigentlich in jeder einzelnen Bewegung. Wie die Energien fliessen, wie man sich lebendig fühlt und wohl. Wie jede Unperfektheit einfach perfekt ist, dass sich nichts verändern muss und alles gut ist. Dass ich durch meinen Körper kommunizieren kann und mich lebendiger fühle als jemals zuvor. Dass ich durch die Sinne all diese Vielfalt, die das Leben so bietet, geniessen kann. "Sinnlichkeit" kommt von den 5 Sinnen und diese sind uns nur durch den Körper möglich. Seien wir doch glücklich darüber.
Wenn ich lese, wie junge Frauen an jedem Gramm Fett etwas zu mäkeln haben oder an Schönheitsoperationen denken, wenn junge Männer täglich ins Fitnessstudio rennen, um einem Idealbild nachzurennen, das sie unbewusst von den Medien übernehmen, dann frage ich mich wirklich, in welcher Welt wir da leben. 
Versteht mich nicht falsch, ich habe überhaupt kein Problem mit gesunder Ernährung oder mit Sport, im Gegenteil, ich finde Bewegung und Freude an gesund-gutem Essen wichtig und natürlich. Aber wenn es auch da nur noch um Kontrolle, Leistung und (Selbst-)Optimierungswahn geht, wo bleibt dann der Spass? Was ist so grossartig daran, sich mit Diäten zu kasteien und sein ganzes Leben nach Idealen auszurichten, die mit Gesundheit wenig und mit Lebensfreude nichts, gar nichts, zu tun haben? Ich plädiere hier wirklich für mehr Humor, Verspieltheit und Sinn-lichkeit: geniessen wir es, einen Körper zu haben und seien wir nicht so streng mit uns.
Gerade jungen Menschen, die so sehr mit ihrem Körperkult identifiziert sind, wünsche ich einen realistischen, grosszügigen und liebevollen Blick in den vielgesuchten Spiegel. Wo sie sehen, wie schön sie sind, wenn sie sich selber sind. Wenn sie ihren Körper akzeptieren, wie er ist. Sich nicht so sehr identifizieren und verlieren in Vergleichen mit Anderen. Sie (wir!) alle sind einzigartig und das ist wunderbar. Wir sind nicht ein Körper, sondern wir haben einen Körper. Und ich wünsche uns allen, dass wir diesen nicht nur als Optimierungsvehikel benutzen, bestrafen oder erdulden, sondern ihn als Freund wertschätzen, der uns grosszügig durchs Leben trägt.
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