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5 Tage Schweigen. Ein Experiment.

"Es könnte zu ganz unterschiedlichen Stimmungen führen. Es könnte Trauer hervorrufen, Rührung, Wut, Freude, Enttäuschung, Frieden. Alles ist möglich". So dachte es in mir, bevor ich nach Engelberg fuhr. Und darin täuschte ich mich so sehr.
Mein erstes Schweige-Retreat war unglaublich. Unglaublich schön.
Doch schön der Reihe nach. Vor einem halben Jahr hatte ich gelesen, dass Byron Katie in die Schweizer Berge kommen würde; die amerikanische Weisheitslehrerin würde hier ein fünftägiges Retreat durchführen - in Stille. Das wollte ich mir unter keinen Umständen entgehen lassen. Und so fuhr ich letzte Woche in die Berge.
Wir schwiegen also. Zumindest galt das fürs Publikum. Byron Katie selber stellte uns viele Fragen, über die wir - 500 Teilnehmer, angereist aus der ganzen Welt - nachdachten und auf die wir unsere eigenen Antworten finden konnten. Wir schwiegen nicht nur, wir hatten auch keinen Augenkontakt mit den anderen Teilnehmern. Jede und jeder war alleine dort und konzentrierte sich auf seine Antworten. Byron Katie lud einzelne Teilnehmer zu sich auf die Bühne, um mit ihnen ihre Glaubenssätze zu hinterfragen. Ich bin sehr überzeugt, dass jeder dieser Prozesse, der dort auf der Bühne geschah, für uns und mit uns allen zu tun hatte. Ich konnte anlässlich jedes Glaubenssatzes meine eigenen verwandten Muster entdecken.
Ent - Decken.
Dank des Schweigens kamen die inneren Wahrheiten in solcher Klarheit und auch en masse zum Vorschein, dass es keinen Zweifel an deren Richtigkeit gab. Es hinterliess mich mit viel Dankbarkeit und einer Verbundenheit, die ich bestimmt nicht so schnell erreicht hätte, hätte ich darüber aktiv und viel kommuniziert.
Ich habe noch nie eine solche Erfahrung gemacht, war noch nie länger in Stille verweilt. Umso erstaunter war ich, wie leicht es mir fiel, allein und still zu sein. Von Anfang an, und durchgehend in diesen fünf Tagen. Ich fand es schön, nichts sagen zu müssen, nicht konzentriert hinhören zu müssen, nicht zu kommunizieren. Dadurch nahm ich meine eigenen Gedanken viel schneller wahr. Ich realisierte immer rascher, welchen Stories ich gerade aufsass, was sie mit mir machten. Ich war in der Lage, mich fast genau so schnell von den Geschichten des Verstandes zu verabschieden, wie sie überhaupt aufkamen. Kaum gedacht, schon wieder losgelassen. Entsprechend gab es kaum emotionale Verstrickungen. Im Gegenteil. Es entstand am zweiten Tag ein traum-ähnlicher Friede in mir, den ich teilweise über viele Stunden aufrecht erhalten konnte und der mich erst auf der Rückreise verliess. Und das war dann richtig schwierig. Doch dazu gleich mehr. Keine Identifikation mit den eigenen Gedanken also, keine Beurteilungen, keine Kritik. Und wenn, dann rasch entdeckt, angelächelt und verabschiedet. Eine Frage von Byron Katie hilft mir ganz besonders, um aus der Identifikation zu kommen:
"Wer wärst Du, wenn Du diesen schmerzhaften Gedanken gar nicht denken könntest? Wie würdest Du dich dann fühlen?"
Und dann die Rückkehr in die Stadt.
Ich lebe in Zürich, fuhr mit dem Zug nach Hause. Noch während der Fahrt begannen die mentalen Herausforderungen. Zuerst schrie eine halbe Stunde lang ein Baby in meinem Abteil. Ende der Stille! Danach sass ich neben zwei Studentinnen, die sich laut über eine nicht anwesende Dritte ausliessen. Und mein "Mind" begann zu urteilen. "Das sollten sie nicht tun. Lästern ist schlecht für ihr Karma". Mein Verstand wusste schon wieder besser, was die Anderen zu tun und zu lassen hatten - und es war doch erst eine Stunde her, seit ich das idyllische Engelberg verlassen hatte! Nun, eine der wesentlichsten Aussagen Byron Katie's ist, dass man nicht in Widerstand mit der Realität gehen soll, weil man dann einfach verloren hat. Dass man nicht urteilen soll, sondern die Dinge annehmen, wie sie halt sind. Den eigenen Verstand beobachten. Gut. Hab ich verstanden und versucht. Und es funktionierte - immer mal wieder. Immer dann, wenn ich mich aktiv daran erinnerte. Und immer mal wieder nicht. Wenn ich mich nicht aktiv daran erinnerte.
Es ging in den Tagen danach hin und her mit den Gedanken in meinem Kopf. Und das war ganz schön anstrengend und intensiv. Raus aus der Verbindung, rein in den Verstand. Und umgekehrt. Eine rechte Achterbahn. Manchmal schaffte ich es für Minuten oder Stunden, komplett in der Verbindung mit der Realität zu verweilen, nicht zu kritisieren (auch nicht in Gedanken). Andere und deren Fehler so zu lassen, wie sie sind. Die Schönheit in allem (!) zu sehen. Nicht alles besser zu wissen, sondern zuzulassen, was gerade geschieht. Was für ein paradiesischer Zustand. Ich freue mich, dass ich in den letzten 5, 6 Jahren gelernt habe, Gedanken immer früher zu beobachten und mich immer weniger zu identifizieren. Es ist wunderbar, wie schnell und leicht das heute (manchmal) geht.  
Und manchmal schaffe ich es nicht: Wenn ich unachtsam mit den Gedanken bin, gehen diese regelrecht mit mir durch. Sie kreieren dann wieder einmal Konzepte, Fantasiegeschichten aus Vergangenheit und Zukunft und wirken ansteckend - auf meine Emotionen. Die folgen nämlich den Gedanken. Und das kann dann unangenehm werden. Dann sind nämlich Gedanken und Emotionen in Widerstand gegenüber der Realität. Ich denke über ein Ereignis beispielsweise "das sollte anders sein! Und ich weiss auch genau, wie es sein sollte! Warum ist es nicht so?" Mein Ego "weiss" dann sehr vieles sehr genau. Es ist ein bisschen rechthaberisch. Am Besserwissen aber kann sich der Verstand aufhängen. Das führt zu nichts. Ausser zu Schmerz. Widerstand. 
Also übe ich weiter, die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Das heisst natürlich nicht, dass man alles gut finden muss, was gerade so passiert! Man darf durchaus seine Meinung kundtun. Aber es ist dann nicht die Meinung des oberflächlichen, lauten "Minds"; des Egos, das schreit. Sondern es ist dann eine Meinung oder besser gesagt eine Wahrheit, die von einer tieferen, leiseren Stelle ausgedrückt wird. Die man oft nur hört, wenn man ruhig ist, wenn man in sich hineinhört und sehr ehrlich ist. Und dann kann man auch konsequent sein und handeln. Entscheiden, was noch zu einem passt, und wo es Zeit geworden ist, wieder loszulassen. 
In diesem Sinne ist für mich klar, dass ich der Achtsamkeit, der Präsenz, der Gegenwärtigkeit und der Authentizität immer noch mehr Raum in meinem Leben verschaffen möchte. Ich versuche, Achtsamkeit in jedem Moment zu leben: Ganz egal, ob ich arbeite, esse, kommuniziere, geniesse oder Workshops halte. Ich möchte aktiv im Moment leben und mein(e) Gegenüber so wahrnehmen, wie er oder sie eben gerade "sind". Mit allen Makeln, Schwächen und wunderschönen Eigenschaften. Und ich möchte das alles im Alltag praktizieren. Nicht nur im Schweige-Retreat, wo (mir) alles einfach fällt, wo die Verbundenheit leicht erreicht werden kann. Sondern im Hier und Jetzt, mit all seinen wunderschönen kleinen und grossen Herausforderungen. 
Und ich lade meine Leser und Leserinnen ein, dasselbe auch zu tun. Wer das möchte (und sich darüber austauschen will), findet auf meiner Seite angebote.nicolestadler.com ab dem Herbst spannende Angebote dazu.
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